Stoffkunst – warum ich Altes zu tragbarer Kunst mache
Es gibt Stoffe, die sind einfach Material. Und es gibt Stoffe, die tragen Zeit in sich.
Ich arbeite mit alten Textilien, weil sie bereits gelebt haben.
Sie waren Teil von Alltag, von Festen, von Routinen. Sie wurden berührt, getragen, geflickt, gewaschen, weitergegeben.
In ihnen steckt Erinnerung – auch dann, wenn niemand mehr weiß, wessen.
Mich interessiert nicht das Neue um des Neuen willen. Mich interessiert das, was bleibt.

Erinnerung im Material
Alte Stoffe erzählen keine lauten Geschichten.
Sie flüstern.
Ein ausgeblichener Jeansstoff spricht von Bewegung.
Eine Stickerei von Geduld.
Ein Gobelin von Zeit, in der Dinge gemacht wurden, um zu bleiben.
Wenn ich mit diesen Materialien arbeite, versuche ich nicht, ihre Vergangenheit zu löschen. Ich übernähe sie nicht, um sie „schön“ zu machen.
Ich lasse Spuren sichtbar. Nähte dürfen bleiben. Übergänge dürfen gesehen werden. Und Brüche dürfen existieren.

Denn Erinnerung verschwindet nicht, wenn man sie versteckt. Sie verschwindet nur, wenn man sie wegwirft.
Nie wieder vergessen
Unsere Welt ist schnell geworden .Zu schnell für Materialien, zu schnell für Hände, zu schnell für Erinnerung.
Kleidung wird heute produziert, getragen und ersetzt – oft ohne Beziehung.
Ich arbeite bewusst dagegen.
Nicht nur aus Nostalgie. Sondern auch aus Verantwortung.
Ein Stoff, der weitergetragen wird, wird nicht vergessen.
Ein Kleidungsstück, das verwandelt wird, bekommt eine zweite Präsenz.
Nicht als Kopie. Nicht als Trend. Sondern als Unikat.
Meine Arbeiten sind kein Versuch, Vergangenes festzuhalten.

Sie sind ein Versuch, es weiterzutragen.
Wiederverwertung ist mehr als Nachhaltigkeit
Upcycling ist ein Wort, das oft benutzt wird.
Für mich ist es aber zu klein.
Denn ich verwandle Stoffe nicht wieder, weil es „ökologisch sinnvoll“ ist – sondern weil es sinnlich sinnvoll ist.
Wiederverwertung bedeutet für mich:
- genau hinsehen
- respektieren, was da ist
- nicht alles neu erfinden müssen
- Es ist eine stille Form von Widerstand gegen Verschwendung – und gleichzeitig eine Einladung zur Achtsamkeit
Kreativität beginnt nicht beim Entwurf
Ich beginne nicht mit einer Idee auf Papier.
Ich beginne mit dem Stoff.
Ich schaue was er zulässt. Wo er weich ist. Wo er widerspricht. Welche Geschichte er mitbringt – und welche neue er tragen möchte.

Kreativität entsteht für mich im Dialog.
Nicht im Durchsetzen.
Deshalb sind meine Arbeiten nie reproduzierbar.
Sie entstehen aus Begegnung – mit Material, mit Zeit, mit Handarbeit.
Tragbare Kunst
Meine Stücke sind tragbar.

Aber sie sind nicht funktional im klassischen Sinn.
Der Körper wird für mich nicht Ziel, sondern Ort.
Ein temporärer Ausstellungsraum.
Ein beweglicher Rahmen für Material, Erinnerung und Transformation.
Man kann meine Arbeiten tragen. Man kann sie aber auch einfach betrachten.
Sie funktionieren mit Körper – und ohne.
Warum ich das tue
Ich mache Stoffkunst, weil ich glaube, das wir Dinge brauchen, die bleiben dürfen.
Weil Erinnerung nicht museal sein muss.
Weil Kunst nicht untragbar sein muss.
Weil Nachhaltigkeit ohne Beziehung leer bleibt.
Ich arbeite mit alten Stoffen, weil sie zeigen, dass nichts wirklich vorbei ist – solange wir bereit sind, hinzusehen.

„Mein Atelier ist klein und privat – ich öffne es manchmal wie ein Fenster.“
Fühl dich inspiriert, Marija
