Wurzeln – wenn Stoffe erinnern dürfen
Manche Werke entstehen nicht aus einem Plan.
Sie entstehen aus einer Frage.
Seit Dezember trug ich sie mit mir:
Was bin ich?
Was will ich zeigen?
Und was darf sichtbar werden?
Als ich vom Fair Fashion Contest erfuhr, wusste ich sofort:
Ich möchte teilnehmen.
Aber ich wusste nicht womit.
Nicht, weil mir Ideen fehlen.
Sondern weil ich nichts „machen“ wollte.
Ich wollte finden.

Der Anfang – 11.12.
Der Prozess von „Wurzeln“ begann am 11. Dezember. Nicht mit einer Skizze. Nicht mit einer klaren Vorstellung. Sondern mit einer alten, pinken Jeansjacke – getragen, geformt, gelebt.
Sie lag da.
Und sie stellte keine Fragen.
Sie wartete.
Wie so oft bei mir, begann alles langsam.
Stoffe wurden berührt, wieder weggelegt.
Fragmente tauchten auf – aus Kisten, aus Schachteln, aus Schubladen, aus vergangenen Arbeiten.
Manche davon stammen aus den 1960er -Jahren, andere aus späteren Jahrzehnten, wieder andere aus der Gegenwart.
Zeit lag plötzlich nebeneinander.
Warten als Teil des Prozesses
Ich habe neuen Tage an diesem Mantel gearbeitet.
Und ich habe in dieser Zeit genauso viel nicht gearbeitet.
Es gab Phasen, da stand alles still. Nicht aus Unsicherheit – sondern aus Respekt.
Ich wusste:
Wenn ich jetzt weitermache, würde ich etwas überstülpen.
Bei mir entscheidet oft ein einzelner Stoff, ein Fragment, ein Detail, wann der nächste Schrittmöglich ist.

Dann geht es schnell.
Und dann wieder gar nicht.
Fertig ist nicht gleich fertig.
Erst wenn nichts mehr drängt, ist ein Werk bereit.
Sichtbare Spuren
Für „Wurzeln“ habe ich ausschließlich gebrauchte Materialien verwendet:
alte Kleidung, Jeansreste, Stofffragmente, Stickereien, Spitze, Garne, Knöpfe.
Neu hinzugekommen sind nur Kleinteile wie Nähgarn.
Ich habe mich bewusst entschieden, nichts zu verstecken:

Nähte bleiben sichtbar.
Übergänge dürfen gesehen werden.
Veränderungen sind Teil der Oberfläche.
Upcycling bedeutet für mich nicht, etwas so aussehen zu lassen, als wäre es nie etwas anderes gewesen.
Sondern genau das Gegenteil.
Wurzeln
Der Name kam leise.
Und dann war er da.

Wurzeln steht für Herkunft.
Für Erinnerung.
Für das, was trägt, auch wenn man es nicht immer sieht.
Jeder Stoff in diesem Mantel hatte ein früheres Leben.
Er wurde berührt, genutzt, geschätzt – oder vergessen.
Jetzt darf er wieder da sein.
Nicht als Kopie, sondern als Teil von etwas Neuem.
Aus der Jeansjacke wurde ein bodenlanger Mantel.
Nicht geplant.
Nicht konstruiert.
Gewachsen.
Der Moment des Loslassens
Heute ist „Wurzeln“ eingereicht.
Beim Fair Fashion Contest.

Damit ist der Prozess nicht beendet – aber er hat eine Schwelle überschritten.
Ein Werk geht hinaus.
Es gehört nicht mehr nur mir. Und genau das fühlt sich richtig an.

Ob es gezeigt wird, prämiert wird oder einfach seinen Weg geht, ist ab jetzt nicht mehr meine Entscheidung.
Meine Arbeit war es, zuzuhören, zu warten ,zu verbinden und rechtzeitig loszulassen.

Wurzeln
entstanden aus Zeit, Stoffen und Geduld.
Und aus dem Vertrauen, dass alles seinen Moment hat.
Fühl dich inspiriert, Marija

Screenshot: Ausschreibung „Fair Fashion Contest“ des Landkreises Landsberg am Lech (2026)
